Eine visuelle Weltsprache

Bild von Gert Arntz, Große Maschine mit Mann kauernd vor erschlagendem Arm.

Revolution durch Aufklärung

Die Wurzeln des Piktogramms führen in die revolutionäre Kunstszene im Rheinland der 1920er Jahre. Sie sind eng verbunden mit den sogenannten »Kölner Progressiven«. Diese Künstlergruppe setzt sich für mehr soziale Gerechtigkeit ein und wollte der Bevölkerung eine neue Gesellschaftsordnung vorleben. Ihr Ziel ist, die Menschen über die ungleichen Verhältnisse aufzuklären, aber auch über Kunst und Gestaltung die ästhetische Bildung aller Gesellschaftsschichten voranzutreiben.

Den Kern der Kölner Progressiven bilden die Künstler Gerd Arntz (1900-1988), der heute als Schöpfer des modernen Piktogramms gilt, Heinrich Hoerle und Franz Wilhelm Seiwert. Ihre Arbeiten kenn­zeichnet eine an der Vernunft orientierte Bildsprache, auch bekannt als »figürlicher Konstruktivismus«. So verzichten die Künstler in ihren Ölbildern und Holzschnitten bewusst auf einen individuellen, gefühlsbetonten Ausdruck. Stattdessen charakterisieren sie Personengruppen anhand »typischer« Eigenschaften.

Die Figuren ordnen sie oft rasterförmig an, also entlang horizontaler und senkrechter Achsen. Dieser Bildaufbau soll die Gesellschaftsordnung der Weimarer Republik und die Krise der Zwischenkriegszeit verdeutlichen. Nur eine rationale Gestaltung von Bildern bewirke Aufklärung – so die Kölner Progressiven.

Installationsansichten „Piktogramme, Lebenszeichen, Emojis: Die Gesellschaft der Zeichen“ (24.09.2020-11.04.2021), Leopold-Hoesch-Museum Düren,

Teamarbeit mit Methode

Die ersten modernen Bildzeichen, die nahezu ohne Worte »lesbar« sind, entstehen vor rund hundert Jahren in Wien. Ab 1925, in der Zeit zwischen den Weltkriegen, experimentiert der Volkswirtschaftler, Philosoph und Austromarxist Otto Neurath (1882-1945) mit zählbaren Piktogrammreihen.

Kern seiner Methode bildet die sogenannte »Transformation«. Er analysiert sozioökonomische Strukturen und Prozesse und «übersetzt« sie in leicht verständliche Diagramme. Mit ihrer Hilfe will er der vielsprachigen Wiener Stadtbevölkerung, insbesondere benachteiligten Gruppen, gesellschaftliche Zusammenhänge deutlich machen. Es sind also vor allem pädagogische und politische Ziele, die ihn antreiben.

Voraussetzung ist Team­Work mit klarer Aufgabenteilung: Die wissenschaftliche Abteilung erfasst fortwährend gesellschaftliche Fakten. Diese überträgt Marie Reidemeister nach den Kombinationsregeln der »Wiener Methode« in vorläufige Diagrammdarstellungen. Im Grafikstudio zeichnet Gerd Arntz dann die dazugehörigen Piktogramme und schneidet sie in Linol.

Zunächst sind Neuraths Bildzeichen noch nah an der Wirklichkeit. Erst schrittweise setzt sich eine abstraktere Formensprache durch. 1928 entwirft Gerd Arntz im Auftrag von Neurath das erste moderne Piktogramm. Es zeichnet sich durch eine feine Geometrie und formale Einfachheit aus.

  • Figuren aus dem Fußball und Schwimmsport aus der Enzyjklopädie von Isotype.
  • Piktogramme verschiedener Nutztiere aus der Landwirtschaft. Entnommen der Enzyklopädie von Isotype.
  • Darstellungen von Pflanzen und Blumen aus der Piktogramm-Enzyklopädie von Isotype.
Bildstatistisches von ISOTYPE aus dem Bildatlas »Gesellschaft und Wirtschaft«

Die Geburt der Info-Grafik

Eines der größten und bedeutendsten Projekte des Teams um Otto Neurath ist der Bildatlas »Gesellschaft und Wirtschaft«. Das Nachschlagewerk versammelt enzyklopädisch das Wissen seiner Zeit: Farbige Bildtafeln stellen die globale Entwicklung der Menschen und historischen Kulturen durch die Jahrhunderte dar. Handel und Wirtschaft, Rohstoffe, Vermögensverteilung, Kindersterblichkeit – solche statistische Daten werden bildlich in Beziehung miteinander gesetzt.

Der Atlas soll der »Erziehung des Auges« dienen, vor allem aber durch Aufklärung gesellschaftliche Reformen voranbringen. Bildung ist im »Roten Wien« ein wichtiges politisches Anliegen. Neben der Erwachsenenbildung erobert die Wiener Methode daher die Volksschulen in fast allen Unterrichtsfächern (besonders Rechnen, Natur­ und Erdkunde). Indem Kinder und Jugendliche Piktogrammreihen malen, ausschneiden und aufkleben, sollen sie die Welt kennenlernen und politisch mündig werden.

Noch heute kann man am Wiener Atlas gut nachvollziehen, wie sehr die bildliche Aufbereitung das Verstehen erleichtert. Und 2021 schauen wir genau hin: Befremdlich wirken die stereotypen Piktogramme in denen Menschen nach Hautfarbe unterschieden und dargestellt werden. Und: Wo sind in diesem »Weltatlas« eigentlich die Frauen?

Linolschnitte mit durch Gerd Arntz entworfene Figuren verschiedener Berufe.

Bild : Macht : Politik Das erste »Sozialmuseum«

Die Bildstatistik zielt auf eine möglichst breite Öffentlichkeit. Entsprechend war das Ausstellen von Diagrammen und Bildtafeln ein wesentlicher Teil der Wiener Methode. Aus dieser Grundidee entsteht auch das 1927 eröffnete »Gesellschafts- und Wirtschaftsmuseum«. Es ist das erste Museum dieser Art in der Welt.
Das Betrachten von Schautafeln, Reliefs und beweglichen Modellen soll Wissen vermitteln, die Selbstermächtigung der Besucher*innen fördern und einen offenen Dialog anregen. Um dies zu unterstützen, entwickelt das Team um Otto Neurath ein fortschrittliches Ausstellungskonzept, das auch interaktive Elemente enthält: Es gibt eine bewegliche Architektur sowie Frage-Antwort-Maschinen zum Selberlernen. Die Schautafeln demonstrieren oft kritisch das kapitalistische System des Westens, und bald in der Folge existiert 1931-–1934 in Moskau parallel das Isostat-Institut, an dem Gerd Arntz Grafiker*innen, Designer*innen und Linolschneider*innen unterrichtet.
Dort entstehen Bildstatistiken für die Tageszeitung Prawda genauso wie Veröffentlichungen zum »Fünf-Jahres-Plan« der Regierung.

Statistik oder Kunst?

Die Wiener Piktogramme schwanken zwischen Gebrauchsgrafik und Kunst. Lange ist Otto Neurath der Überzeugung, dass es im modernen Piktogramm um die Vermittlung von Tatsachen geht. Für künstlerische Elemente sieht er weder Platz noch Bedarf. Dagegen verteidigt der Künstler und Grafiker Gerd Arntz die ästhetische Auseinandersetzung mit den Bildzeichen. Seiner Ansicht nach könne dies auch zu einer Veränderung und Fortentwicklung der Wiener Methode selbst führen.

Seit 1929 entwirft Gerd Arntz eine Vielzahl von überwiegend freien soziologischen Grafiken. Sie werden aufgrund seiner Verfolgung durch die Nationalsozialisten und erzwungenen Emigration 1934 zum großen Teil vernichtet. Die noch erhaltenen Kopien führen uns bis heute das kreative Entwicklungspotential des modernen Piktogramms vor Augen. Das gilt ebenso für die erste in den Niederlanden entstandene Sammlung von Arntz’ Bildzeichen. Sie spiegelt die Widersprüche der damaligen Gesellschaft, aber auch kulturelle Doppeldeutigkeiten der Piktogramme.

  • Holzschnitt von Gerd Arntz mit Straßenszene und drei Häusern, Auto und Hund
  • Holzschnitt von Gerd Arntz zeigt eine Straßenszene mit vier Häusern.
  • Ölbild von Gerd Arntz mit dem Namen ‘Der Maschinist’

ISOTYPE. Eine visuelle Weltsprache

1934 tobt in Wien der Bürgerkrieg. Das politisch links stehende Gesellschafts- und Wirtschaftsmuseum wird von der faschistischen Dollfuß-Diktatur aus ideologischen Gründen geschlossen. Otto Neurath und Gerd Arntz emigrieren in die Niederlande. Ein Großteil ihres zurückgelassenen Materials wird zerstört.

Nach dem Neuanfang in Den Haag konzentriert sich das Wiener Team auf die Internationalisierung der »Wiener Methode«. Als visuelle Weltsprache soll die sogenannte »Bildpädagogik« helfen, die Kluft zwischen Völkern und Sprachgruppen zu überwinden. Das internationale Kürzel ISOTYPE (International System of Typographic Picture Education) löst die Bezeichnung »Wiener Methode der Bildstatistik« ab. Praktisch dienen die Bildzeichen, nun im Zusammenspiel mit der englischen Sprache, weltweiten Maßnahmen für Bildung und Aufklärung.

Als die Niederlande 1940 ebenfalls von den Nationalsozialisten besetzt werden, flieht der als »Halbjude« verfolgte Neurath mit seiner Kollegin und späteren Frau Marie Reidemeister nach Großbritannien. Neurath steckt in einem Zwiespalt: Er hat auf Reisen in die USA bereits für seine Bildzeichensprache geworben. Um sie weltweit zu etablieren, müsste er sie aber von der Kernidee der »Transformation« konkreter sozioökonomischer Fakten lösen.

Sollte er sie freigeben für eine offene Verwendung? Und damit die Rückbindung an eigene pädagogische Ziele aufgeben? Das widerstrebt ihm genauso wie Marie Neurath, die das Projekt nach seinem Tod im Sinne der Bildpädagogik fortführt.

  • Ausstellungsansicht mit zwei Holztischen und mehreren Bildern und Postern an den Wänden mit Motiven von ISOTYPE.
  • Holzmodel mit Siedlungsansicht im Ausstellungsraum
  • Ausstellungsansicht mit Holztisch und Grafiken aus der ISOTYPE Sammlung.