Von 3.304 bis Unendlich : Der Open Emoji Research

  • Holztisch mit zwei Ordnern
  • Publikationen Ilka Helmig und Johannes Bergerhausen. “Elephant’s Memory” von Timothée Ingen-Housz.
  • Holztisch mit Memorykarten, worauf Zeichen und Symbole aus verschiedenen Systemen versammelt sind.

2021 gibt es über 3.000 vereinheitlichte Emoji­-Zeichen. Seit 2009 bestimmt das Unicode­ Konsortium für jedes Emoji eine Unicode­ Nummer (z.B. »U+1F92F«) mit einer zugehörigen Beschreibung (»exploding head«). So können Emojis auf nahezu jedem unicode­unterstützten Endgerät dargestellt werden, auch wenn sich die Emojis in der grafischen Gestaltung jeweils unterscheiden. Diese Universalisierung der Zeichen hat zu ihrem Erfolg beigetragen.

Die Abstimmung über neue Emojis ist immer auch ein Verhandlungsprozess über die Sichtbarkeit und Darstellung von Dingen. Tiere, Obst und Gemüse, Sportarten, aber genauso geht es um Gefühle, Minderheitengruppen oder Geschlechterrollen. Wie und ob Hautfarbe, Alter, Krankheit, Mädchen / Junge / drittes Geschlecht, Wohnen, Essen oder sexuelle Handlungen dargestellt werden, ist auch eine politische Frage.

Mit Beiträgen von:
Moritz Appich, Johannes Bergerhausen, Jonas Grünwald, Juli Gudehus, Ilka Helmig, Bruno Jacoby, Lilian Stolk, Edgar Walthert

  • Open Emoji Research, Übersicht mit vier Holztischen und mehreren Wandinstallationen.
  • Installationsansicht des Open Emoji Research, im Vordergrund ein Tisch mit Büchern und Arbeiten von Ilka Helmig und Johannes Bergerhausen.
  • Raumansicht des Open Emoji Research, an der Zwischenwand sind die ersten Emoij von Docomo.
  • Open Emoji Research, zwei Holztische mit Symbol, Zeichen Karte von Adrian Frutiger und The Annex Of Universal Languages von Edgar Walthert.

Von Japan um die Welt : Shigetaka Kuritas Emoji-Set

Das Wort Emoji setzt sich aus den japanischen Wörtern »e« für Bild und »moji« für Zeichen zusammen. Die heute weltweit verwendeten Emojis haben ursprünglich japanische Wurzeln. Immer noch erinnern einige ihrer Merkmale an die dortige Manga­ und Internetkultur der 1990er Jahre. Etwa die Darstellung von Gesichtern zum Ausdruck von Gefühlen – wie der große Schweißtropfen auf der Stirn.

Als Vorläufer der ersten Emojis gelten die Kaomojis. Übersetzt: Gesicht-­Zeichen. Sie waren Teil der japanischen Foren­ und Chatkultur der 1990er Jahre, als das Internet gerade zum Massenmedium wurde. Da es keine standardisierten Emojis gab, kombinierten Internet­User*innen die vorhandenen Buchstaben, Zahlen und Zeichen zu neuen Kaomojis. (*^o^)/(^^*) steht für ein begeistertes High Five oder auch ein (¬_¬”) für genervt.

Um die Jahrtausendwende interessierten sich dann japanische Mobilfunkunternehmen für die Entwicklung »echter« Bildzeichen. Der Interface­ Designer Shigetaka Kurita (*1972) entwickelte 1999 für die Firma NTT DOCOMO ein Set von 176 Emojis. Sie basierten auf einem groben Raster von nur 12 × 12 Pixeln. Gesichtsausdruck, Gegenstände oder Körperteile sind also sehr vereinfacht dargestellt. Gerade darin liegt ihre Qualität. Shigetaka Kuritas Motive sind bis heute Teil des internationalen Emoji-­Katalogs. Ihre Verwurzelung in der japanischen Kultur erkennt man noch auf den zweiten Blick.

Wandinstallatino mit den Emoji aus 1999 entworfen durch Shigetaka Kurita für DOCOMO Inc.

Emoji Voting Booth by Lilian Stolck

Auch wenn Emojis von 92% Prozent der weltweiten Internetnutzer*innen verwendet werden, sind es nur eine Handvoll von Spezialist*innen, die eine Auswahl treffen. Jetzt stell dir mal vor, ein paar Leute würden darüber entscheiden, welche Wörter wir benutzen? Die niederländische Emojiexpertin Lilian Stolk findet, das sollte sich ändern. Deshalb entwickelte sie die Emoji Voter App.

Jedes Jahr werden durchschnittlich 243 neue Emojis hinzugefügt. Welche? Das wird vom Unicode-Konsortium entschieden, einer Organisation, die Sprachen digitalisiert. Alle können Vorschläge für neue Emojis einreichen, aber die finale Abstimmung macht die Jury von Unicode in Zusammenarbeit mit Firmen wie Apple, Google und Facebook – Firmen, die unser digitales Leben bereits stark mitbestimmen. Wie ist es eigentlich möglich, dass diese kleine Gruppe so viel Einfluss auf unsere digitalen Ausdruckformen hat?

Dieser Prozess muss demokratisiert werden. Es ist Zeit für uns Nutzer*innen von Emojis, unsere Stimme geltend zu machen. Mit dem Emoji Voter kannst du deiner Stimme Ausdruck verleihen.

emojivoter.com

Zeichen als Chamäleons : Die Schöpfung von Juli Gudehus

»Genesis« – so heißt in der Bibel die Erschaffung der Welt. Juli Gudehus überträgt die Schöpfungsgeschichte mit Hilfe ihrer Zeichensammlung in das Bildliche. Dabei lassen die Logos und Piktogramme ihre Ursprünge für einen Moment hinter sich zurück und nehmen eine neue Bedeutung an. Die Zeichen werden zu Chamäleons. Trotzdem – oder vielleicht gerade darum – ist Juli Gudehus Bildzeichensprache erstaunlich gut verständlich.

Die Berliner Grafikerin Juli Gudehus (*1968) beginnt während ihres Studiums Bildzeichen zu den verschiedensten Dingen zu sammeln. Die alphabetisch nach Begriffen sortierte Sammlung füllt heute ganze Regalbretter. In den Ordnern finden sich ausgeschnittene Firmenlogos, Piktogramme aus Otto Neuraths ISOTYPE, Symbole wie das »Peace«-Zeichen und sogar ein paar Lebenszeichen von Wolfgang Schmidt.

Aus einer Seminararbeit zum Thema »Typografie ohne Buchstaben« entwickelt Juli Gudehus 1992 mit Hilfe ihrer Sammlung die hier ausgestellte Arbeit »Genesis«. Die Blätter zeigen auch die Zwischenschritte, in denen sie die Zeichen testweise miteinander kombiniert.

Vorstudien zur Genesis von Juli Gudehus aus 1993. Collage aus Skizzen und Fotokopien.

Welcome, global Baby! The Elephant’s Memory


Der Künstler Timothée Ingen­Housz (*1971) schreibt im Rückblick über sein »Elefantengedächtnis«:

»Elephant’s Memory entstand wie aus einem Fiebertraum. Es war im Jahr 1993 und ich kam gerade von einer Ägypten­reise zurück. In meinem Traum sah ich hunderte hieroglyphischer Zeichen auseinander heraus springen in einen endlosen weißen Raum. Ich fragte mich: Wäre es möglich, die Zeichen durch ein System miteinander zu verknüpfen? Und zwar so, dass alle Betrachter*innen sie unabhängig von ihrer Muttersprache entziffern könnten. Ein spielerischer Satzbau sollte die grafischen Elemente zu Bedeutungsclustern verbinden. Diese könnten in jede Richtung gelesen und geschrieben werden. Das wäre lustig, schön und ziemlich schräg. Die Zeit des Internets fing gerade erst an und wir surften damals noch mit dem Mosaic ­Browser. Wir waren voller Hoffnung, bald Teil einer neuen planetarischen Gesellschaft zu sein. Und ich wollte ein Kommunikationssystem schaffen, mit dem Milliarden Menschen experimentieren können. Es war nicht die alte Fantasie einer universalen Weltsprache – es war ein rätselhaftes Spielzeug für das neugeborene globale Baby. Ein Geschenk.«

Viseulle Sprache „Elephant’s Memory“ von Timothée Ingen-Housz. Im Zetrum ein Bildschirm mit animierten Beispeilen.

snake, sun, cloud, hand, triangle

Moritz Appich, Bruno Jacoby und Jonas Grunwald, »snake, sun, cloud, hand, triangle«, 2020 Umsetzung Hand: Corinne Riepert

In der Typografie bezeichnet eine Ligatur die Kombination mehrerer Buchstaben zu einer neuen Glyphe. Aus f und i wird fi, aus f und l wird fl. In der gezeigten Arbeit »snake, sun, cloud, hand, triangle« folgt die Verschmelzung den Eigenschaften ihrer Charaktere: Die Hand greift die Schlange und das Dreieck bricht das Licht der Sonne.

gruppo-due.com

Installationsansicht der Arbeit snake, sun, cloud, hand, triangle
Foto vom Ausstellungsaufbau der Arbeit

Proto-

Johannes Bergerhausen und Ilka Helmig »Proto-«, 2020

Eine visuelle Erläuterung zu Piktogramm, Ideogramm und Phonogramm. Von Keilschriftzeichen über Lautverwirbelungen bis hin zu Verkehrszeichen.

Durch den Vorgang des Sprechens wird Luft durch die Spachlippen gepresst und in Form von strukturierten Luftwirbeln an die Umgebung abgegeben. Wissenschaftler fanden heraus, dass die Verwirbelungsformen der gesprochenen Laute reproduzierbar sind.

Zeichnung von Ilka Helmig
Zeichnung von Ilka Helmig Souncloud o
Zeichnung von Ilka Helmig Souncloud p
Zeichnung von Ilka Helmig Souncloud x